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14. Januar bis 25. Februar 2006
Ich freue mich, Sie anlässlich der Saisoneröffnung zu einer Einzelausstellung von Leo Bettina Roost einzuladen. Die Schweizerin Leo Bettina Roost hat an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und lebt und arbeitet in Köln.
Zu den neuen Arbeiten, die Leo Bettina Roost in Zürich präsentiert, schreibt der Kunsthistoriker Markus Stegmann:
«Schrift und Sprache ziehen sich wie rote Fäden durch die künstlerischen Arbeiten der letzten Jahre von Leo Bettina Roost. Die alte Polarität von Bild und Text, von visuellem und nicht visuellem Ausdruck der Wirklichkeit bildet das Terrain ihrer Erkundungen. Leo Bettina Roost verschmilzt die in vielerlei Hinsicht komplementären Disziplinen Bildende Kunst und Literatur, um an den Schnittstellen neu entstehende Wirkungen und Zusammenhänge zu untersuchen.
Darin macht auch die aktuelle Werkgruppe Mundfelder keine Ausnahme, auch wenn Text oder Schrift fehlen. Leo Bettina Roost verwendet Pressefotos von Personen des Öffentlichen Lebens, die über die Medien verbreitet werden. Es handelt sich um einflussreiche Personen aus Politik, Wirtschaft und Kultur, deren (visuelle) Prominenz, die ja gerade durch die Medien entstanden ist, die Künstlerin wieder zurücknimmt, indem sie einen radikalen Bildausschnitt wählt: Nur Mundwinkel sind zu sehen, aus welchen die Identität der Personen nicht mehr rekonstruiert werden kann. Die glamourösen Prominenten sinken unvermittelt wieder in die Anonymität zurück. Öffentlichkeit wandelt sich ins Private. Die stark angeschnittenen Münder scheinen zwar zu sprechen, doch was da geredet, gemeint oder in die Kameras gelächelt wird, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir bemerken zwar, dass der mimisch bewegte Mund eine Botschaft sendet, sind aber weit davon entfernt, den Inhalt zu entziffern. Der Text ist weg, die Stimme bleibt stumm, die Prominenz hat sich verflüchtigt. Doch in dem Masse, in dem die Bilder das Erwartete verweigern, lösen sie in der Vorstellung Stimmen, Botschaften und neue Bilder aus. Leo Bettina Roost geht in der allgemeinen Bilder- und Textüberflutung auf elementare, geradezu archaische Signale und Verhaltensweisen des Menschen zurück. Wir lernen wieder zu sprechen und zu schauen in einer Zeit, in der wir vor lauter Botschaften und Bildern Sprache und Stimme verloren haben.
Die Arbeiten im zweiten Raum der Ausstellung zeigen eine andere Form des
Sprachverlustes: Zwar sind Text- beziehungsweise Wortfragmente oder zumindest
einzelne Buchstaben oder Zahlen lesbar, doch lassen sich daraus keine sinnfälligen
Inhalte erschliessen. Der Berliner Wand II beispielsweise
liegt der Computerabsturz eines Textes der Künstlerin zugrunde. An die
Stelle der Worte und Bedeutungen treten Leerstellen. Es entsteht ein Terrain
wie ein archäologischer Grabungsplatz, innerhalb dessen
kleinste Anhaltspunkte Vorstellungen und innere Bilder auslösen. Der
Reichtum an neuen Vermutungen und Bildern verdankt sich den Abstürzen
der alten Bedeutungen. Erst der Verlust an konventionellem Sinn und traditionellen
Ordnungen schafft Raum für neue Zusammenhänge.»
Markus Stegmann
